SCHNITTSTELLEN, DIE MAN NICHT PROGRAMMIEREN KANN 

VON KAMPFMITTELN UND KOHLEHYDRATEN

IFC, API, SQL – Schnittstellen sind unser täglich Brot.

Hm, korrekter wäre wohl, Schnittstellen sind unsere Tagespasta. Kuchen würde natürlich auch passen. Aber so vielfältig wie Kohlenhydrate ist auch, was sich hinter dem Begriff „Schnittstelle“ verstecken kann, und so freut es uns, heute über eine ganz andere Art von Schnittstelle zu berichten.

Eine Schnittstelle, zwischen dem Boden und was darunter verborgen liegt, zwischen Zerstörung und Wiederaufbau, vor allem aber zwischen Vergangenheit und Gegenwart. 

Unser Gesprächspartner heute ist Stefan Plainer von der EOD-Munitionsbergung, der mit uns nicht nur über Kampfmittelbergung plaudert, sondern auch einiges über interdisziplinäre Zusammenarbeit zu erzählen hat. 

Zurück in die Zukunft?

Eine Baustelle ist üblicherweise ein Ort der Zukunft. Neue Möglichkeiten werden geplant und umgesetzt, der Blick geht nach vorne. 

Aber unter jeder Baugrube liegt auch ein Stück Vergangenheit. Als wäre Tiefbau nicht schon aufgrund der geologischen Unsicherheiten spannend genug, wartet hier manchmal die eine oder andere explosive Überraschung. Und auch, wenn wir hier schon über Bernsteinfunde berichten durften, geht es meistens weniger um antike Schätze, als um gefährliche Relikte aus dem Weltkrieg.

Blogbeitrag: BERNSTEIN, BUNKER UND BOMBEN – UNERWARTETE FUNDE IM UNTERGRUND (Credit: Gramatke)

Bevor man überhaupt anfangen kann zu bauen gilt es daher oft, erst zu verstehen, was einen unter der Oberfläche erwarten kann.  

Vorhang auf für die EOD-Munitionsbergung! 

CSI-Baustelle

Damit der erste Bagger überhaupt einmal seine Arbeit aufnehmen kann, muss jemand anderes vorher schon fleißig arbeiten. Es gilt, historische Luftbilder und alte Dokumente zu analysieren, um das Gefahrenpotential einzuschätzen und mit diesen Infos dann vor Ort sicherheitskritische Messungen durchzuführen. 

„Die EOD wurde im Jahr 2009 von österreichischen Experten gegründet, die allesamt bereits seit Jahren in der Kampfmittelräumung tätig gewesen sind. Zu dieser Zeit gab es noch keine rein österreichische Munitionsbergefirma am Markt.“

Das stetige Wachstum von ursprünglich 4 auf inzwischen beinahe 60 Mitarbeiter zeigt die Bedeutung des Themas. Ist doch vor allem in urbanen Gebieten immer noch mit Kriegsrelikten zu rechnen, denen man nicht unvorbereitet begegnen sollte. 

Wer sich hier nicht auf Überraschungen einlassen möchte, muss mit einem erstaunlich umfassenden Expert*innenteam arbeiten

„Unsere Mitarbeiter*innen bringen eine Reihe an Kompetenzen mit. Da wir zum einen historische Dokumente aufarbeiten, zum anderen geophysikalische Messungen durchführen, jedoch auch mit Erdbaugeräten arbeiten und Kriegsluftbilder auswerten, beschäftigen wir zum Beispiel Geophysiker*innen, Historiker*innen, Bauleiter*innen, Poliere, Bautechniker*innen, Geograph*innen und Baggerfahrer*innen.“

So, wie Tunnel bauen mehr ist, als einfach ein Loch zu graben und die Wände zu verkleiden, ist auch Munitionsbergung mehr als ein bloßes Durchleuchten des Untergrundes.  

Womit wir wieder bei den Schnittstellen wären 😉 

Zwischen oben und drunter. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, alt und neu. Aber auch zwischen vielen unterschiedlichen Fachdisziplinen. Geschichte, Geophysik und Bauausführung. Das ist schon ein sehr breiter Bogen an Kompetenzen, Ausbildungen und Betrachtungsweisen, die es hier unter einen Hut zu bringen gilt.  

Und genau hier wird es spannend. Oder: noch spannender, als eh schon. 

Technik trifft Teamwork

So beeindruckend die technischen Methoden auch sind, sie sind nur ein Teil der Gleichung. Der andere, oft unterschätzte Teil ist die Organisation dahinter. 

Wer arbeitet wann mit welchen Informationen? Wer bewertet welche Daten? Und wie stellt man sicher, dass aus einzelnen Messwerten eine fundierte Entscheidung wird? 

„In unserer Organisation spielen Führung, Organisationsentwicklung und Prozessmanagement eine große Rolle. Und auch die ständige Aus- und Weiterbildung ist ein wichtiger Punkt. Wir haben daher bei uns im Unternehmen eine eigene Stabstelle für interne Ausbildung geschaffen.“

Denn in einem Umfeld, das derart viele Disziplinen vereint, reicht es nicht, dass alle für sich persönlich gesehen gut sind. Es braucht einen Rahmen, der mit klaren Prozessen und kompetenter Führung all diese Perspektiven vereint und die Zusammenarbeit unterstützt, denn Daten allein liefern noch keine Antworten. 

Credit: EOD Munitionsbergung

Messen heißt nicht wissen

Natürlich sind Messungen ein zentrales Werkzeug der Kampfmittelbergung. Doch stehen diese üblicherweise nicht zu Beginn eines neuen Projektes

„Generell wird von uns vorab meist geprüft, ob das betreffende Gebiet in den Kriegstagen von Kämpfen oder Bombardierungen heimgesucht wurde und ob überhaupt eine potenzielle Gefährdung besteht.“

Kann eine potenzielle Gefahr nicht ausgeschlossen werden, geht es mit Messungen weiter. So liefern beispielsweise geomagnetische Verfahren oderPulsinduktionsmessungen Hinweise darauf, was sich im Untergrund befindet. Aber sie liefern selten eindeutige Antworten, sondern müssen erst interpretiert und in einen entsprechenden Kontext gesetzt werden.

„Ich denke, dass das Zusammenspiel aus Hausverstand und Technik in jedem Gewerk die entscheidende Größe ist. Dazu kommt noch, dass wir Messungen interpretieren. In dieser Konstellation spielt natürlich auch Erfahrung eine große Rolle.“

Erfahrung funktioniert hier aber auch fast wie eine Schnittstelle, in beide Richtungen. Es braucht nicht nur Erfahrung, um mit Funden korrekt umzugehen, die Funde zahlen wiederum in die Erfahrung ein. Und nicht nur das. 

(Symbolbild)

„Vor einigen Jahren haben wir beispielsweise im Nahbereich eines Außenlagers eines KZ in ca. 2m Tiefe eine vergrabene Kiste mit Personalakten von KZ-Häftlingen zufällig freigelegt. Solche Funde, die zwar nichts mit Munition zu tun haben, aber wertvolle Infos zur Aufarbeitung der Kriegshandlungen haben, sind besonders beeindruckend.“

Und so schließt sich der Kreis. Erfahrung hilft, Wissen zu erweitern. Und die „Schnittstelle EOD“ greift nicht nur auf historische Erkenntnisse zurück, sondern hilft aktiv mit, neue Erkenntnisse zu schaffen. 

Denn sie wissen, was sie tun!

Wir freuen uns immer besonders, wenn wir ein Stück tiefer in die Arbeit vor Ort eintauchen dürfen und aus (für uns mitunter abstrakten) Aufgabenbeschreibungen und Rollen greifbare Arbeiten und echte Menschen werden. 

Credit: EOD-Munitionsbergung

Wo die Kampfmittelbergung für uns bisher sehr technisch war, hat unser Gespräch mit Stefan Plainer klar gezeigt, wie wichtig in dieser Arbeit der Faktor Mensch ist und wie viele unterschiedliche Menschen es braucht, um alle relevanten Daten zusammenzusammeln, zu interpretieren und zu bewerten. 

Keine Disziplin reicht hier für sich allein aus, weder Geschichtswissen noch Messdaten allein sind der Herausforderung gewachsen. Es ist ja auch nicht sonderlich gesund, sich ausschließlich von Kohlehydraten zu ernähren. Und schwupps, schon sind wir wieder bei unserer „Tagespasta“, den Schnittstellen. Die finden sich hier nämlich nicht nur zwischen oben und unten, neu und alt, Geschichte und Zukunft – sondern vor allem auch zwischen den Menschen und ihren unterschiedlichen Fähigkeiten. 

 Ein baggerbegeisterter Historiker? Oder eine geschichtsbegeisterte Baggerfahrerin? 

Das Team der EOD hätte vermutlich nichts dagegen. 

(Und alle softwarebegeisterten Bauingenieur*innen, bau- & technikaffinen Projektmanager*innen sowie spezialtiefbauenden Programmierer*innen dürfen sich gern direkt bei uns melden – da hätten wir bestimmt nichts dagegen!) 

Im Blog zu Gast: Stefan Plainer

Dass unter Österreichs Baustellen mehr liegt als nur Erde, weiß Stefan Plainer wie kaum ein anderer. Der Geschäftsführer und Gründer der EOD-Munitionsbergung ist seit vielen Jahren dort unterwegs, wo Bauprojekte auf Geschichte treffen – und im Zweifelsfall auch auf Kampfmittel. 

Sein Weg in diese doch eher außergewöhnliche Branche begann für ihn beim Bundesheer, wo er sich erstmals mit der Thematik auseinandersetzte. 2009 erkannte er schließlich eine Marktlücke und gründete mit der EOD Munitionsbergung eines der ersten rein österreichischen Unternehmen, das sich auf die sichere Erkundung von Baugrund spezialisiert hat. 

Heute sorgt er mit seinem Team dafür, dass Baustellen nicht zur Überraschung werden – und verbindet dabei historische Recherche, geophysikalische Methoden und praktische Erfahrung zu genau jener Schnittstelle, um die es auch in diesem Beitrag geht. 

SCHNITTSTELLEN, DIE MAN NICHT PROGRAMMIEREN KANN 

Dass unter Österreichs Baustellen mehr liegt als nur Erde, weiß Stefan Plainer wie kaum ein anderer. Der Geschäftsführer und Gründer der EOD-Munitionsbergung ist seit vielen Jahren dort unterwegs, wo Bauprojekte auf Geschichte treffen – und im Zweifelsfall auch auf Kampfmittel. 

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