WIE EINE EINKAUFSPASSAGE
ZUM ÖKOSYSTEM WIRD
Wie lässt sich Architektur so gestalten, dass sie das Klima aktiv unterstützt – und dabei bestehende Strukturen nicht ersetzt, sondern sinnvoll weiter nutzt?
Diese Frage hat unseren Mitarbeiter Philipp Eder im Laufe seiner Architektur-Bachelorarbeit beschäftigt. Wenn er nicht gerade bei uns in der Projektbetreuung arbeitet oder an neuenFeatures für SCALES tüftelt, studiert Philipp nämlich Architektur. Und läuft ganz nebenbei noch Marathon. (Wo er die Zeit dafür hernimmt, wissen wir auch nicht.)
Die Aufgabenstellung
Eine wenig besuchte Einkaufspassage in Wien soll wiederbelebt werden. Der angrenzende Innenhof gleich mit. Und das Ganze unter dem Aspekt, ein klimatisches Ziel zu verfolgen, das über eine herkömmliche Belüftungsanlage hinausgeht. Doch Philipp wäre nicht Philipp, wenn es bei einem bloßen Abarbeiten der Aufgabenstellung geblieben wäre.
Sein Zugang
„Gleich neben der Passage soll ein Gebäude abgerissen werden – für die neue U5“, erklärt er. „Da hab ich mich gefragt: Kann man so einen Abbruch nicht auch anders denken? Nicht einfach nur wegreißen – sondern gezielt in etwas Neues überführen. Etwas, das bestehende Strukturen verbindet und neue Ebenen eröffnet.“ Seine Idee: Den U-Bahn-Schachte mitdenken und unterirdisch mit der Einkaufspassage verknüpfen. Daraus entsteht ein Raumgefüge, das U-Bahn, Bibliothek, Einkaufspassage, Kindergarten und Cafés unter einem neuen, gemeinsamen Dach vereint.
Was dabei herausgekommen ist?
Ein vertikales Biotop!
Und das kann mehr, als nur schön auszusehen. Philipp verbindet die geplante U-Bahn direkt mit der Passage – und bringt gleichzeitig frisches Grün, frische Luft und eine neue Nutzungsebene in den Stadtraum. Das Biotop funktioniert dabei nicht nur als optisches Highlight, sondern übernimmt eine aktive Rolle im Gebäude: Es unterstützt natürliche Klimaprozesse, reguliert Temperatur und Luftfeuchtigkeit – ganz ohne energieintensive Anlagen.
Ein Entwurf, der zeigt, wie Architektur zu Recht nicht nur die „Gestaltung von Raum“ sondern auch die „Kunst des Bauens“ ist.
Ein Gebäude, das durchatmet
„Eigentlich war meine Idee, so viel wie möglich der ursprünglichen Passage beizubehalten und nur eine filigrane Konstruktion im Innenhof zu installieren. Vielleicht ein kleiner Park, um mehr aus der Fläche rauszuholen und den Innenhof mehr zu bespielen. Aber das hätte mit den Abständen zu den Nachbarhäusern nicht geklappt. Außerdem hat der Bezug zur Passage, aber auch zur U-Bahn und den umliegenden Einrichtungen wie der Bibliothek und den Kindergärten über der Passage gefehlt. Also daraufhin habe ich mir dann etwas überlegt, um die Einrichtungen alle miteinander zu vereinen.“
Philipp Eder
Daher hat Philipp in seinem Modell erst einmal ordentlich durchgelüftet – im wahrsten Sinne. An mehreren Stellen der Passage bohrt er Öffnungen, die sich durch alle Stockwerke ziehen. So entsteht eine direkte Verbindung zwischen der U-Bahn ganz unten und den unterschiedlichen Ebenen darüber – von den Shops bis zu den öffentlichen Einrichtungen. In diese senkrechten Schneisen setzt er vier geschwungene Stützen, die ähnlich einer Sanduhr geformt sind. Sie tragen die frei geformte Klimahülle, die über dem ganzen Bauwerk liegt, das Innere schützt und das Klima darin unabhängig vom Wetter draußen reguliert.
Das Prinzip dahinter: der sogenannte Kamineffekt. Klingt nach Physikunterricht, ist aber ziemlich einfach. Warme Luft steigt nach oben, kalte Luft wird unten nachgezogen – genau wie bei einem Kamin, bei dem heiße Luft entweicht und frische Luft nachströmt. Im Sommer kann die Hülle zusätzlich geöffnet werden – durch flexible seitliche Lamellen, die an Kiemen erinnern. So entweicht die Hitze nach oben, während unten kühlere Luft hereinkommt. Und im Winter? Da bleiben die Klappen einfach zu, und die Wärme bleibt drinnen.
Klimahülle
Eine Klimahülle ist eine durchsichtige Hülle, fast wie eine riesige Speiseglocke. Sie schützt das, was darunter ist, vor Wind, Regen oder Kälte und sorgt dafür, dass es darin wärmer wird, oder die Temperatur weniger schwankt. Besonders oft wird sie übrigens für Gewächshäuser verwendet!
Klima in Schichten
Natur vertikal gedacht
Warum sollte Stadtbegrünung eigentlich immer flach auf dem Boden liegen? Philipp dachte sich: Wenn wir schon neu denken, dann richtig – und ließ die Pflanzenwelt in seinem Entwurf einfach in die Höhe wachsen. Da ist ja auch deutlich mehr Platz, als in dem ursprünglichen, kleinen Innenhof. Entstanden ist ein vertikales Biotop, das sich über fünf Ebenen erstreckt – mit unterschiedlichen Klimazonen, Temperaturen und Stimmungen. Ganz unten, auf U-Bahn-Ebene, blühen Alpenveilchen neben Eiben. Je weiter man sich nach oben bewegt, desto üppiger wird es: Sträucher, Farne, Palmen. Ein bisschen wie ein Spaziergang durch verschiedene Kontinente – mitten im Haus.
Und wer weiß? Vielleicht finden hier sogar bedrohte Pflanzenarten ein neues Zuhause. Denn was Philipp entworfen hat, ist mehr als nur ein Bau: Es ist ein Stück Stadt, das mitatmet. Ein Lebensraum, der für Menschen genauso gedacht ist wie für Natur. Und vielleicht auch ein kleiner Hinweis darauf, wie unsere Gebäude in Zukunft aussehen könnten – lebendig, vielfältig, einladend.
U-Bahn goes Windrad
Philipps Entwurf ist kein Luftschloss – sondern denkt genau dort weiter, wo die Stadt oft aufhört: in ihren Zwischenräumen. Die Passage, einst nüchtern und unterbelebt, wird zum Knotenpunkt für Menschen und Möglichkeiten. Durch die direkte Verbindung zur U-Bahn und die Öffnung des Innenhofs entstehen neue Wege und Blickachsen. Bibliothek und Kindergarten, Cafés und Geschäfte – all das rückt näher zusammen, wird durch die Architektur miteinander verknüpft und durch die üppige Bepflanzung zu einem Ort, der zum Verweilen einlädt.
Sogar der typische Luftzug, den man von der U-Bahn kennt – dieser kurze Moment, wenn der Zug einfährt und einem der Fahrtwind entgegenweht – wird nicht einfach ignoriert. In Philipps Entwurf wird genau diese Bewegung zum Bestandteil der Belüftung. Druck und Sog sorgen dafür, dass frische Luft durchs Gebäude strömt – ganz ohne zusätzliche Technik. Wer dachte, die Wiener U-Bahn ist schon nachhaltig unterwegs – da geht noch was 😉
Cool bleiben
Wasserspeicher sei Dank
Es stimmt schon, das Wesentliche ist für die Augen oft unsichtbar – denn unter dem Gebäude versteckt Philipp einen 2000 m³ großer großen Speicher, der Regenwasser sammelt und speichert. Außerdem nimmt er nachts Kälte aus natürlichen Kaltluftschneisen auf und wird somit zum Kältespeicher für heiße Sommertage.
Kaltluftschneisen
Kaltluftschneisen sind praktische Luftbahnen, die oft über Wiesen, Feldern, Wäldern oder Gewässern entstehen, wo die Luft nachts besser abkühlen kann, als in der Stadt. Die schwere, kalte Luft fließt dann wie Wasser in tiefer liegende Bereiche, wie zum Beispiel Straßen, Täler oder Innenhöfe. So helfen sie, durch kühle, frische Luft städtische Räume abzukühlen.
Doch das System endet nicht an der Grundstücksgrenze: Der Regenspeicher wird mit Nachbarn geteilt, sodass auch die Umgebung von der Infrastruktur profitiert. Entweder können damit Blumen bewässert werden, oder das Wasser wird gefiltert, um es zum Trinken oder Waschen verwenden zu können. Damit wird das Bauwerk zu einem nachhaltigen und großzügigen Nachbarn.
Architektur, die Verantwortung übernimmt
Philipps Entwurf zeigt, dass Architektur, wenn man sie klug und vor allem ganzheitlich denkt, Dinge verbindet, die sonst nebeneinander herlaufen: Technik und Umwelt, Infrastruktur und Alltag, Stadt und Natur.
Was als wenig belebte Einkaufspassage begann, wird zu einem lebenden Organismus – einem Bauprojekt, bei dem Gebäude, Infrastruktur, Natur, Energie und Wasserzusammenspielen, statt gegeneinander.
Und vielleicht ist das der spannendste Gedanke daran: Dass gute Architektur nicht alles neu erfinden muss. Sondern einfach nur genau hinschaut – auf das, was da ist, und auf das, was daraus werden könnte und wie man die verschiedenen Element miteinander in Einklang bringt.
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